Beten heißt vor Gott bringen

mich und mein Leben
meine Fragen und meine Unsicherheit
meine Schuld und mein Versagen
aber auch meine Freude mein Jauchzen
meine Hoffnungen und Träume

die Freunde und ihre Situation
ihre Krankheiten und schwierigen Entscheidungen
ihre Kraftlosigkeit und Resignation
aber auch ihre Überlegungen und Pläne
ihr Verliebtsein und ihr Vertrauen

die Verwandten und Nachbarn
die manchmal so ganz anders sind
und so schwer verstehbar
die gelegentlich anstrengend sein können
aber auch heimatstiftend

die Fremden
die mir manchmal so vertraut sind
und dann wieder erschreckend fern
in ihrem Anderssein und Andersleben
und nahe in dem Reichtum ihrer Gastfreundschaft

unsere Kirche und ihre offiziellen Vertreter
die mir manchmal Angst macht
mich in Wut bringt
und doch wieder Heimat ist und Zukunft

die großen Konzerne
die Geld machen wollen
Menschen missbrauchen
deine Schöpfung ausbeuten
und den Götzen Geld anbeten

die Politiker
die über Wohl und Wehe eines Landes entscheiden
in all ihrem Machthunger
aber auch in ihrem aufrichtigen Verlangen
den Menschen gut zu tun

und lass uns
all die einfallen
die wir schon vergessen haben
damit wir sie und ihr Leben
vor dich bringen

beten
heißt
vor dich bringen

vor dich bringen heißt
mir all derer und all dessen
bewusst werden

mir bewusst werden heißt
ins Handeln zu kommen
mich zu engagieren

mich zu engagieren heißt
betend zu werden

um deinen Segen
für mein Tun zu erbitten

um loszulassen in dich
verändern zu lassen von dir

heißt meinen Teil tun
und dir deinen nicht abnehmen

 

Aus: Anselm Grün / Andrea Schwarz,
Und alles lassen, weil Er mich nicht lässt. © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2009

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