Geschichtlicher Überblick der Provinz Westfalen

Fünfhundert Jahre im Dunkel der Zeit,
Lichtpunkte – kleine und ferne –
sind uns geblieben.
Leuchtende Fackeln standen am Wege,
erhellten das Dunkel,
gaben ihr Licht weiter in der Stafette,
auf dass auch wir weiterreichen,
was uns überliefert.
M. Apollinaris

 

Das Kloster Mariae Opferungsthal auf der Brede, das untrennbar mit der Geschichte der Westfälischen Ordensprovinz verbunden ist, stifteten 1483 die Brüder Bernd und Diedrich von der Asseburg, um so das geistliche Leben in und um Brakel herum lebendig zu halten. Nach 1812, als die Augustinessen keine Mitglieder mehr aufnehmen durften, drohte dem Kloster Brede das Aus.
Graf Hermann Werner von Bocholtz-Asseburg kaufte das Anwesen und stiftete das Hospital und Waisenhaus „St. Anna“. In diesen bewegten Zeitverhältnissen übernahm die Stiftsdame Ludowine von Haxthausen 1830 die Leitung dieses Hauses Schon bald wurde das Kloster geistliches Zentrum und seit 1836 fanden hier regelmäßig Exerzitien für weltliche Lehrerinnen statt. Ludowine konnte ihre segensreiche Tätigkeit bis 1848 entfalten, bevor sie sich in ihr Geburtshaus Schloss Bökerhof zurückzog.

 

Seit 155 Jahren leben und wirken nun die Schulschwestern v. U. L. Fr.
im Kloster ‚up der Breden’ und erfüllen hier ihren Sendungsauftrag in sehr unterschiedlichen Apostolatsbereichen.
Wie Mutter Theresia versuchen die Schwestern bis heute auf die Zeichen der Zeit zu antworten,
so konnten sie bereits 1851 die Höhere Töchterschule auf der Brede ins Leben rufen, waren an vielen Orten Vorreiter in der Mädchenbildung und eröffneten bereits 1893 den ersten katholischen Kindergarten im Kreis Höxter.
Charakteristisch für die 145 Jahre Provinzgeschichte – die Westfälische Provinz wurde 1860 gegründet - ist ein steter Wechsel von Höhen und Tiefen – von Aufblühen und Untergang. Deutlich wird aber auch an der Geschichte der Provinz, dass immer wieder enge Verbindungen zum Stamm- Mutterhaus in München und zur Schlesischen Provinz bestehen.

 

 
1850 – 1870/71
Um die Brede als geistliches Zentrum Mitte des 19. Jahrhunderts für Preußen zu retten und auch um weiterhin die Sorge für die Waisenkinder zu ermöglichen, bat Graf Hermann Werner von Bocholtz-Asseburg  Mutter Theresia,
die Gründerin der Armen Schulschwestern v. U. L. Fr., die Waisenanstalt und Schule zu übernehmen.
Trotz anfänglicher Schwierigkeiten – die Kinder verstanden die Sprache der Schwestern zunächst nicht, die Examina wurden nicht anerkannt, die Schwestern mussten in den preußischen Untertanenverband aufgenommen werden – blühte die Gemeinschaft bald auf.
 Die ersten westfälischen Kandidatinnen wurden bereits 1850 in München aufgenommen, unter ihnen auch Gräfin Maria von Bocholtz-Asseburg, die spätere Schwester M. Hedwig.
Bereits 1853 schrieb Mutter Theresia über die Brede:
 „Als unsere Wiege in Preußen bleibt mir die Brede doppelt wert. Gebe der Herr, dass durch seinen Segen von ihr aus sich noch recht viele Zweige nah und fern in Preußen ausbreiten".
Dieser Wunsch Mutter Theresias ging bald in Erfüllung, als im Jahre 1856 die erste Niederlassung von der Brede aus gegründet wurde. Der Friedrichstiftung in Warburg folgte bald das 3. und 4. Schuljahr der Töchterschule und eine Sammelschule in Brakel.

Bereits 1860 wurde die Brede Mutterhaus der Westfälischen Ordensprovinz.

Am 25. November 1860, dem Fest ‚Mariae Opferung‘ - dem Patronatsfest des Klosters Brede, begannen erstmals sieben Novizinnen mit ihrer Ausbildung im Westfälischen Mutterhaus. Rasch wuchs die Zahl der Schwestern und der Gemeinschaften.

 

 

Zum Beginn des Kulturkampfes 1870/71 bestanden Filialen in:
---- Hardenberg-Neviges,
---- Orb (Diözese Fulda),
---- Warburg Alt- und Neustadt,
---- Düssel / Krs. Mettmann,
---- Dilldorf bei Essen und
----- Allendorf in Hessen.
Die Filiale in Graudenz/Westpreußen hatte bereits 1869 wieder schließen müssen.
In dieser Zeit wanderten bereits die ersten Kandidatinnen und jungen Schwestern in die schlesische und die ungarische Mission aus.
 
1872 - 1887
Der peußische Kulturkampf setzte ab 1872 diesem Aufblühen ein rasches Ende. Leider mussten fast alle Filialen aufgegeben werden. Da das Mutterhaus Brede keine Schwestern dieser geschlossenen Filialen aufnehmen durfte, zogen diese Schwestern nach München und wurden dort von Mutter Theresia mit neuen Aufgaben betraut.
Einzig die Schwestern in Allendorf durften auch weiterhin in der Schule tätig sein, da diese offiziell von der Regierung mit Dienstnummer angestellt worden waren.
Dass das Kloster Brede während des Kulturkampfes als einziges Kloster der Schulschwestern in Preußen bestehen blieb, ist sicherlich der Klugheit des damaligen Bürgermeisters und dem Zusammenwirken der Geschwister Diederich, dem Herrn der Hinnenburg  und der Oberin Schwester Maria Hedwig, sowie deren Vetter, dem Landrat Wolff-Metternich, zu verdanken.

 

1887 - 1902
Bereits 1888 konnte auf Bitte der Brakeler Bürger und dem entsprechenden Gesuch von Schw. Hedwig beim Ministerium die Höhere Töchterschule wieder eröffnet werden. Schwester Hedwig starb am 30. November 1888 und erlebte das erneute Aufblühen der Provinz nicht mehr.
Als sie starb, war bereits eine größere Anzahl von Schwestern zur Brede zurückgekehrt, die nun nacheinander auch neue Aufgaben übernahmen.
 
So wurden mit großer Freude die Schwestern in Neviges wieder willkommen geheißen, die ersten westfälischen Schwestern begannen 1889 ihren Dienst in der Höheren Töchterschule in Arnsberg
Im August 1893 fand erstmals nach zwanzig Jahren wieder eine Einkleidung statt, bis 1902 legten 54 junge Schwestern ihre Erstprofess im Mutterhaus ab.
1902 - 1921
1902, nach dem Tode der damaligen Provinzoberin Schw. Ludgera, wurde die Westfälische Ordensprovinz nach einem Gespräch der Generaloberin Schw. Innozentia, der Provinzoberin der Schlesischen Ordensprovinz Schw. Michaela Beck und dem Bischof von Paderborn Teil der Schlesischen Ordensprovinz. Aus welchen Gründen diese Zusammenlegung vollzogen wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Vermutlich hatte die Zusammenlegung damit zu tun, dass seit 1902 die Brede ein staatlich genehmigtes Lehrerinnenseminar führte und der gesamte preußische Nachwuchs hier ausgebildet wurde.
Die neue Provinz erstreckte sich von Lemberg bis Hardenberg-Neviges. Alle Kandidatinnen mussten nun zur Einkleidung nach Breslau reisen und dort ihr Noviziat ablegen, manchmal sehr zum Unmut der Eltern. Ein reger Austausch der Schwestern zwischen Schlesien und Preußen begann, der aber offensichtlich auch Schwierigkeiten mit sich brachte.
Bereits 1918 bat Schw. Annuntiata Opitz den Bischof von Paderborn um Trennung der Provinz. Einerseits war die weite Entfernung auf Dauer wohl doch hinderlich, darüber hinaus mussten schon seit geraumer Zeit auch alle Ordenslehrerinnen ihre Ausbildung zur Lehrerin für höhere Mädchenschulen in der westfälischen Universitätsstadt Münster absolvieren. Diese erbetene Wiedererrichtung wurde 1921 vollzogen.

(Siehe Geschichte der Provinz Berlin)

 

1921-1945
Bei der Wiederentstehung der Westfälischen Provinz gehörten zum Mutterhaus Brede die Niederlassungen in Allendorf, Arnsberg, Borgentreich, Dönberg, Elberfeld, Neviges und Warburg. Bald konnten auch weitere Filialen in Großauheim, Warstein, Herzberg/Harz, Meschede und Hanau gegründet werden, bis 1933 die Machtübernahme Hitlers diesem Aufblühen ein Ende bereitete.
 

Als 1933 die NS-Zeit begann, gehörten zur Westfälischen Ordensprovinz das Mutterhaus und zehn Niederlassungen. Die Schwestern waren tätig in Volksschulen, Höheren Mädchenschulen, Oberlyzeen, Haushaltungs- und Nähschulen und Kindergärten.
Schon bald machten sich auch für die Schwestern die Forderungen der neuen Zeit bemerkbar:

So wurde Schw. Canisia 1935 wegen angeblichen Devisenvergehens verhaftet und kehrte erst 1937 aus der Haft zurück, nachdem sie von den Kirchenfeinden als „Volksverräterin“ und „Staatsfeindin“ bezeichnet worden war.
Ab 1941 mussten einige Schulen abgebaut werden, andere wurden beschlagnahmt und dienten als Lazarett. Die Schwestern selbst erhielten Unterrichtsverbot.
Aber: viele Pfarrer baten um Unterstützung in der Gemeinde, und so übernahmen Schwestern neue Aufgaben, v. a. in der Seelsorge der Diasporagemeinden; z. T. mussten sie ihr Ordenskleid ablegen, um unbehelligt ihrer Aufgabe nachkommen zu können.

 

 

1945 – 1967

Die Tätigkeit der Schwestern war nach dem Kriege in vielen Diasporagemeinden auch weiterhin sehr erwünscht, aber auch die Bürgermeister und Pfarrer der ehemaligen Wirkungsstätten baten um Wiederkehr der Schwestern. Schon bald konnten trotz aller finanziellen Schwierigkeiten Filialen in Herzberg, Allendorf, Wuppertal, Großauheim, Warburg und Meschede und die Schulen auf der Brede wieder eröffnet werden.

In Westfalen wurden mehr als 150 Schwestern der schlesischen Gebiete aufgenommen, die diese Aufgaben gern übernahmen, und so konnten weitere Filialen gegründet werden.
1951 waren 335 Schwestern in unterschiedlichen Apostolatsbereichen tätig:
Seelsorgestellen blieben in den Diözesen Hildesheim und Osnabrück zunächst erhalten.
In den Erzdiözesen Paderborn und Köln und der Diözese Fulda waren Schwestern tätig in Schulen, Kindergärten und der ambulanten Krankenpflege.
Für Kinder, die mit den Schwestern aus Schlesien geflohen waren, boten die Schwestern eine neue Heimat zunächst in Schüren, dann in Lübbecke bis ihnen ein Kinderheim in Ostuffeln übergeben wurde.
Die Westfälische Ordensprovinz reichte vom Rheinland bis zum Harz, vom Main bis Ostfriesland.

 

1967 - 2005
Leider machte der Nachwuchsmangel nach 1967 Schließungen von Einrichtungen notwendig. In der Regel wurden die Schulen von den zuständigen Bistümern übernommen, so dass diese Einrichtungen als kath. Schulen weitergeführt werden.
Trotz dieses äußeren Rückgangs feierte die Westfälische Ordensprovinz 1983 ein Doppeljubiläum:
500 Jahre Kloster Brede und 150 Jahre Gründung der Gemeinschaft der Armen Schulschwestern v. U. L. Fr.
Nach Möglichkeit unterrichten auch weiterhin Schwestern in unseren ehemaligen Schulen.

Die Abgabe der großen Institutionen bietet uns heute jedoch auch die Chance, dass Schwestern außer in den traditionellen Diensten der Erziehung (Kindergarten, Schule) in für uns neuen Apostolatsbereichen tätig werden, so z. B. in der Sorge für unsere alten und kranken Schwestern, in der Krankenhausseelsorge, als Kommunionhelfer und Lektorinnen, im Dienst an behinderten Menschen, im ärztlichen Dienst, in der geistlichen Begleitung.

Mitglieder der ‚Weggemeinschaft’, einer Gemeinschaft von Laien, tragen unser Charisma seit 1993 an dem jeweiligen Ort mit, an dem sie leben.
Die seltenen Feiern der Erstprofess und der Ewigen Profess sind für uns immer wieder Lichtblicke und Hoffnungszeichen.

Wenn wir jetzt durch die Eingliederung in die Provinz Bayern einen weiteren, neuen Schritt in die Zukunft gehen,
schöpfen wir aus den Erfahrungen der letzten 155 Jahre und wissen,
dass Gott unseren Weg begleitet und dass ER uns auch einen Weg in die Zukunft weist – ER, der uns Leben und Hoffnung gibt.

Und wir tun dies, damit auch weiterhin das Charisma Mutter Theresias hier in Westfalen lebendig bleiben kann.